Ich habe früh und gut geschlafen, der Jetlag ist fast weg. Am Vormittag nach Shibuya (渋谷) zu Kinokuniya, um Bücher für die nächste Stufe des JLPTs zu kaufen. Ich habe es vielleicht etwas übertrieben. Aber ich bin mir sicher: die brauche ich alle, und ich habe nun ja etwas Zeit zum Lernen.

Gestern Abend hatte M. noch spät geschrieben, ob wir uns nicht schon heute treffen könnten. Habe das bejaht, das heißt aber, dass ich heute nicht nach Shimokitazawa (下北沢) kann um mir (kurze) Hosen zu kaufen. Tokyo ist unglaublich schwül. Und so fahre ich kurz vor der Rush Hour hinter nach Mizonokuchi (溝ノ口) in Kawasaki. Ich bin guter Dinge. Viele Salary-Men sind schon unterwegs nach Hause, aber noch viel mehr Schüler, es wird bereits sehr voll. Ich habe ein wenig Duftwasser angelegt, um den Sommerschweiß zu bekämpfen, und bekomme Angst vor abschätzigen Blicken in der Bahn (地下鉄). Wenn es solche gibt, erkenne ich sie noch nicht. Am Bahnhof angekommen gibt es wieder Planänderungen, wir müssen uns direkt vorm Onsen treffen, der heißen Quelle, erste Etappe heute. Ich bin stolz, den Busfahrplan lesen zu können, um die richtige Haltestelle zu finden (danke, N3!). Außerhalb Tokyos ist der Takt etwas ruhiger, die Szenerie idyllischer, ein wenig wie in einem Slice-Of-Life-Manga.

M. trifft mit dem Motorrad ein. Er hat derzeit viel um die Ohren. Ein schwerer Unfall vor einigen Monaten, Herausforderungen in der Arbeit. Ich kenne ihn beruflich, und wir waren schon ein paar mal unterwegs in den letzten Japan-Urlauben. Er hat eine Olsen-„Stempelkarte“, und mich auf einen Gang eingeladen. Ein großes ゆ (yu, heißes Wasser) markiert das Bad, in einem auf alt gemachten Türmchen.

Japanische Bäder pflegt man frei von jeder Kleidung und natürlich schuhfrei zu besuchen.

Nach dem Umziehen reinigt man sich peinlichst gründlich, um dann in die großen und kleinen Becken mit heißem, kalten oder sprudelnden Wasser zu steigen. Unser Onsen bietet dunkles oder torfiges Wasser (M. erzählte mir, dass vor Tokyos steiler Karriere alles hier Morast war). Sehr entspannend. Aber ein wenig schwindelt mir dann doch nach einer halben Stunde Onsen. Da hilft die traditionelle kalte Milch danach. Ich merke auch, dass das Wasser meinen kunstvollen Locken ein wenig den Schwung nimmt.

Nach dem Bad entspannt sich eine Diskussion über die weiteren Pläne. M. darf aussuchen und überredet mich, mich zum ersten Mal in meinem Leben auf ein Motorrad zu setzen. Es wird ein Abend weiterer Premieren.

Wir beginnen mit einem Laden für Yakitori, Grillspieße. M. bestellt eine große Auswahl (wie eigentlich immer), ich bestelle, was ich auf der Karte lesen kann und meinem Magen guttut: Hühnchen, Herz vom Huhn, Magen, auch Zunge gibt es. Ich weiß nicht mehr, von welchem Tier. Und Sashimi, rohen Fisch. Sehr gesund, da der Reis fehlt.

Da M. ja Motorrad fährt, muss ich die Biere trinken. Ich merke einen Effekt erst nach dem dritten Bierchen. M. schlägt einen weiteren Laden vor. Er kennt die Wirtin dort. Ich wolle ja Japanisch lernen. Ich bejahe, denke mir aber, dass mit dem leichten Pegel das wohl schwierig wird.

Ein Lampion bezeugt den Eingang. Davor steht ein Tischchen. Vor Jahren hat der Besitzer hier wohl M. zum ersten Mal zum Trinken aufgefordert. Alkohol verbindet überall.

Der Laden ist winzig, ein kleiner Raum, große runde Theke, darum sechs Hocker. Es ist noch kein weiterer Gast da. M. plaudert mit der Wirtin, Eri-Chan, und stellt mich vor. Ich versuche mich auch, finde das von ihr gezeigte Bild ihres kleinen Sohnes sehr 可愛い(niedlich), und das erste Bier wird serviert. Solche kleineren Kneipen gibt es wohl häufiger, fast schon familiär wird geplaudert. Das Sprechtempo macht mir Probleme, und auch die richtigen Worte zu finden, aber vieles vom Gesprochenen verstehe ich. Begeistert wird das zweite Bier getrunken. Ein weiterer Gast kommt hinzu, man stellt sich vor. Man einigt sich bei meinem Namen auf „Andi“. Dann holt die Wirtin das Karaoke-Gerät heraus. Ich werde genötigt, zu singen – Dschingis Khan, der deutsche Klassiker. Ich ziere mich, aber dann geht’s schon los. Ich gebe mein Bestes. Ich variiere zwischendurch und oktaviere, das Lied war eher für einen mongolischen Bassisten gesetzt. Ich glaube, mich gut geschlagen zu haben. Die zweite Premiere. Es gibt wohl Aufnahmen, aber die bleiben unter Verschluss. Es wird weiter geplaudert, gegen Ende kommen weitere Gäste, so dass die zwei Deutschen vor allem mit sich sprechen. M. fährt bald nach Deutschland zurück und kommt Mitte Oktober wieder. Das ist schade für mich, denn solche Abende werden schwer alleine machbar sein. Ein fulminanter Einstieg am zweiten Tag. Wir verabschieden uns, die Wirtin sagt: Komm gerne wieder. Ich denke, dass ist eine Floskel – aber wer weiß. Diesmal schaffe ich es schon am zweiten Abend, fast mit der letzten möglichen Bahn nach Hause zu kommen. Es ist immer noch heiß. Die Zikaden zirpen, es ist still in Setagaya auf dem Heimweg. Ich muss bald diese friedliche Gegend besser erkunden. Ein sehr guter Einstieg.

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