Ein Taifun sorgt für unvorstellbare Regenmassen in Tokyo. Ich habe mir eine japanische Telefonnummer und einen Railpass zugelegt, beides im Bahnhof Shinjuku (新宿). Der größte Bahnhof der Welt, wenn es nach täglichen Passagieren geht, wie ein Ameisenhaufen, auch architektonisch. So langsam sind die meisten Vorbereitungen für die nächsten Wochen abgeschlossen.

Die Telefonnummer brauche ich, um einen Übungsraum fürs Klavierspielen anzumieten. Der Railpass ist für nächste Woche, da geht es in den Norden nach Tohoku.

Ich bin gestern Nacht bereits ein wenig durch meine neue Kurz-Heimat, Setagaya, spaziert. Gut betuchte Gegend. Alles ist etwas enger als zu Hause. Menschen sind unterwegs bis spät in die Nacht. Jede Ecke scheint mir fotografierwürdig. Das legt sich erfahrungsgemäß mit der Zeit.

Am Abend. Es ist angenehm warm, nicht zu schwül. Ich kratze Mut zusammen. Es ist schwer für einen introvertierten Anfang-40er wie mich, allein loszuziehen und etwas zu trinken. Soll ich doch daheim den Kühlschrank plündern? Nein, schlimmeres als einen ablehnen kann ja eigentlich nicht passieren. Oder? Ich habe schon Tonkatsu gehabt, also vielleicht kein Izakaya, wo man meist noch essen sollte. Es gibt eine Bar, sagt mir Google Maps, nicht weit weg – wenig essen, ein wenig mehr trinken.

Das „Little Store House“ (https://www.instagram.com/little_storehouse/) liegt leicht versteckt mitten im Wohngebiet. Eine kleine Sitzecke vor dem Laden. Ich greife die Tür, leiser Jazz dring an mein Ohr. Das gefällt mir. Ein „Irasshaimase“ vom Master hinter einer schwarzen, hölzernen Theke, Keiner im Laden außer ihm. Leichtes Grau an den Schläfen. Ich stammle mein 一人ですが、大丈夫ですか、er kommt hervor, nickt freundlich, sagt etwas, und stellt einen zylindrischen Gegenstand vor die Tür. Ich bin verwirrt, will er mich vor die Tür setzen? Ich deute auf die Sitze an der Bar. Er nickt. Ich lege ab – und nun merke ich, er hat den Schirmständer rausgebracht, für meinen Schirm. Ich lache, sage ああ、今わかりました. 頭は。。。(“Ah, jetzt verstehe ich. Mein Kopf…“). Er lächelt auch. Ich setze mich und studiere die Karte. とりあえずビール。Zuerst ein Bier. Kirin Lager. Sehr süffig und gut. Es gibt viele Cocktails auf der Krte, nach dem Bier bestelle ich einen Screwdriver.

Ich blicke mich um. Eine riesige Sammlung LPs und CDs im hinteren Teil der Bar, wo sich auch eine Sitzecke befindet. Ich bekunde mein Staunen und Bewunderung. Ich plaudere mit dem Wirt ein wenig über meine Herkunft, über Deutschland, über Okinawa, über ihn und den Laden. Ich entdecke auch die zweite Kartenseite, eine riesige Auswahl Whiskey. Das ist eher nichts für mich. Aber dann schon eher der ハム (Ham).

Der Screwdriver zeigt wohlige Wirkung. Weitere Gäste kommen. Auch Ausländer, wie es scheint. Ich ignoriere sie erstmal. Sie haben etwas Probleme mit der Kommunikation, ich kann das Wort クレジットカードで (kurejittokadode) sagen, und Wirt und Gäste sind erleichtert. Wir plaudern. Ein junges schwedisches Pärchen, goldblondes Haar, beide. Er hat hier vor kurzem zu Arbeiten begonnen, Modebranche, sie beginnt gleichzeitig ein Fernstudium hier. 5 Jahre Japan, weil es ihnen so gut gefiel beim ersten Besuch. Frisch verheiratet. 羨ましい(Beneidenswert), sage ich, und der Wirt lacht. Sie wohnen nicht weit weg von mir, seit zwei Monaten, können nur wenig Japanisch, und kämpfen mit Sprache, Bürokratie und den kleinen Dingen, die hier anders sind. Wir sprechen im Dreieck, ich versuche, zu dolmetschen, soweit ich kann. Nebenher Fritten essen, die der Wirt parallel in einem kleinen Wok anbrät. Es ist ein wenig wie in Midnight Diner (Netflix). Auch zwei japanische (Stamm)gäste erscheinen später. Ich springe zum Moscow Mule, und später noch ein Awamori, ein Schnäpslein, das ich noch aus Okinawa kannte. Ein guter Tropfen. Mit dem Pärchen tausche ich LINE-Kontakte aus (das japanische WhatsApp). Vielleicht kann man mal wieder etwas trinken, das wäre nett. Sie verabschieden sich nach drei Stunden. Ich kann noch nicht gleich gehen. Ich bitte um ein おかわり für den Schnaps, der Wirt schenkt ordentlich ein und sagt 助かりました(Danke für die Hilfe, wörtlich: Ich bin gerettet). Das schmeichelt meinem leicht beschwipsten Ego. Eine Dame erscheint, Stammkundin, der Wirt begrüßt sie, und sie startet mit einem Wortschwall, immer mal wieder von Einwürfen des Wirtes unterbrochen. Ich verstehe nur wenig. Zwillinge? Gute Bars in Shibuya? Spannende Dinge. Ich verabschiede mich, ich sage, ich komme wieder. Ich habe es vor. Wenn es geht schon am Sonntag Abend.

Leider keine Bilder von diesem Abend, als Ersatz: Setagaya-Plastiken in Vorgärten. Den Augustus (?) kann ich mir nicht ganz erklären. Aber er ist sehr gut getroffen, finde ich. Er thront über einer Heerschar von Zwergen.

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