Als der Zug in den Bahnhof einfährt, hängen in den Bergkuppen am Rande der Stadt noch einige Nebelwolken. Sie scheinen langsam nach oben zu treiben, dem leicht gräulichen Himmel zu.

Ich bugsiere meinen Rucksack aus dem Zug, schnalle ihn routiniert um, und versuche mich mit meinem Telefon zu orientieren. Morioka, im Landesinneren von Tohoku. Zwischenstation. Eine Nacht. Ich bin wie so oft unvorbereitet und habe keine größeren Sehenswürdigkeiten herausgesucht. Es soll ein Schloß geben. Und berühmte Soba-Nudeln, Wanka-Soba, die man in einer Art Essenswettkampf verschlingt. Doch ich weiß nicht, ob ich darauf Lust habe. Alleine Nudeln im Akkord zu essen, das scheint mir nicht zu verlockend.

Es wird wieder heiß, wie so oft die letzten Tage. Eigentlich wollte ich der Tokyoter Hitze entfliehen, doch selbst hier im Norden sind es dreißig Grad. Der Rucksack sticht mir in den Rücken, mein T-Shirt bekommt dunkle Flecken. In diesem Aufzug spreche ich im Hotel vor. Ich bin zu früh, noch kein Check-In möglich, aber den Rucksack kann ich dalassen. Ich ziehe mein Ersatz-T-Shirt über und streife durch die Gegend um das Hotel. Eine Stadt ohne besonderen Charme, will mir scheinen. Grau, sehr still. Ich setze mich vor ein Cafe, esse ein Sandwich mit Garnelenfleisch, und freue mich, dass ich mit der Verkäuferin einige Worte wechseln konnte. Die Banalitäten des japanischen Lebens sind noch immer interessant für mich. Ich beobachte die Bauarbeiter und Salary-Men, sowie die Mütter mit ihren Mama-charis, den Fahrrädern, in denen sie den Nachwuchs sicher transportieren.

Nach dem Check-In mache ich meine Sportübungen im Hotelzimmer und kann endlich duschen.

Es ist bereits fünf Uhr abends, ich habe getrödelt. Der Tag verspricht ein Tag ohne echte Vorkommnisse zu werden. Eine wahre Zwischenstation zwischen Sendai und Akita.

Ich forsche nach Möglichkeiten fürs Abendessen. Ein Izakaya in der Nähe ist gut bewertet, es gibt Fisch. Es scheint sehr klein zu sein. Ist da ein Gaikokujin willkomen? Doch lieber in ein Sukiya oder Yoshinoya? Ich zaudere und überlege.

Es gibt so viele Touristen überall, muss ich als solcher den Einheimischen auch noch in die intimsten Läden eindringen? Ich male mir aus: Das Schlimmste, was passieren kann ist, dass sie einen rauskomplimentieren. Dann kann ich immer noch zum Konbini gehen. Als ich so denkend vor die Tür gehe, beginnt ein sanfter Regen. Ich spanne meinen Schirm auf und suche den Laden.

Ich erkenne den Schriftzug auf einem kleinen Banner vor der Tür. Ich lese ein Schild, das auf japanisch einen Counter und japanische Sitzgelegenheiten im Lokal vermerkt. Ich öffne die Schiebetür. Ein kleiner Flur, links ein großes Regal mit Schuhfächern. Verhaltene Gespräche, niemand kommt. Ich bleibe einige Sekunden hinter der Tür stehen. Dann, nach einigen Schritten, erscheint eine ältere Dame, weißes Haar, Kopftuch, und spricht ein Irasshaimase. Sie hat einige wenige, blitzweiße Zähne. Ich verbeuge mich leicht, sie deutet auf den Schirmständer. Ich frage gebrochen, ob ich die Schuhe ausziehen soll, sie verneint, und führt mich in die Gaststube. Um den Meister in der Mitte sitzen vier Gäste auf Barhockern, der Meister nickt freundlich. Schneeweißes Haar, schneeweiße Kochtracht. Ich werfe ein „Konban ha“ in die Mitte, und würfle in meinem Kopf, welchen der freien Plätze ich nehmen soll, und entscheide mich für den Platz rechts neben dem mittelalten Salaryman. Rechts neben mir ein etwas jüngerer Zeitgenosse. Ich lächle schüchtern in die Runde. Links sitzen eine mittelalte Dame, daneben ein Mann, den ich jünger als mich einschätze, mit leichtem Bart. „Toriaezu biiru“, erstmal ein Bier bestelle ich, wie aus dem Lehrbuch. Anerkennendes Nicken von links. Ich entspanne mich etwas. Der Salaryman links lächelt. Das Bier kommt rasch, und man prostet sich zu. Es entspannt sich eine Diskussion, die wie immer mit der Herkunft beginnt. Der Deutsche, der einen „langen Urlaub“ in Japan macht. Ich spreche mit dem Salarymen über Deutschland, dann mit dem jungen Mann rechts über Essen. Er ist Koch, ich bin begeistert. Er kann Französisch, Italienisch, und Japanisch (Washoku) kochen. Derzeit arbeitet er als Sous-Chef in einem japanischen Restaurant, sagt er. Man spricht über die Familie. Ledig bin ich, das Wort kenne ich. Der Koch auch, aber rikon (geschieden ist er). 27 Jahre. Ja, die Arbeit als Koch ist schwer in Japan, kann ich mir vorstellen, meine ich. Ja, Gehalt niedrig, 12h-Schichten, nur einen freien Tag pro Woche. Und dieser Tag ist heute. Der Salaryman erzählt von seinem Dasein, er pendelt zwischen Sendai und Morioka. Mein Essen kommt, Unagi-Don. Während dem Essen schenkt mir der Salarymen immer wieder von seinem Sake ein. Ich spüre nur ganz langsam die Wirkung. Ich bemerke, wie er mit der Dame links, die er Oneesan nennt („große Schwester“), auch über mein Parfüm spricht, ich frage, ob ich zuviel aufgetragen habe. Die Diskussion kommt nicht ins Stocken. Der Herr mit Bart verabschiedet sich früh. Der junge Koch neben mir zeigt mir seine Whiskeyflasche, er ist Stammgast in dem Lokal, und für solche ist eine eigene Flasche im Lokal selbst üblich. Er mischt sich immer wieder einen Schluck ins Glas. Ich bin verblüfft zu erfahren, dass sich alle Leute am Tisch gar nicht kennen: Der Koch wohnt hier, der Salarymen pendelt und ist zum ersten Mal hier, ebenso die Dame, sie ist auf Durchreise mit ihrem Verlobten, der ist derzeit krank und muss das Bett hüten.

Der Jungkoch heißt S. Ein schöner Name. Er stammt aus Aomori. Dort war ich letztes Jahr, ich schwärme ein wenig von der Stadt. Seine Freundin ist derzeit in Nagano auf Geschäftsreise, daher scheint er heute „vogelfrei“ zu sein. Kurz nach 9 gibt es „last order“. Der Salaryman schlägt noch einen Schlummertrunk vor, ich zögere etwas. Die Oneesan und S. gehen mit. Ich lasse mich auch überreden. Im regnerischen Morioka folgen wir dem Salaryman, dem die Oneesan bereits einen Spitznamen gab. Es ist schon eine interessante Truppe, die hier durch Moriokas Vergnügungsviertel stolpert, im Regen. Ich merke, dass auch S. bereits gut getrunken hat, die Bewegungen laufen nicht mehr ganz geschmeidig. Ich plaudere auf dem Weg mit Oneesan. Sie ist auf „Vorhochzeitsreise“ nach Hakodate, und der Verlobte muss sich bis morgen erholen. Der Salaryman führt uns in ein Snakku. Ich kenne das schon aus Kawasaki: Eine ältere Dame in der Mitte, viel Alkohol um sie herum, ein Counter davor. Kein Mensch ist da. Wir setzen uns, die Dame scheint den Salaryman zu kennen. Sie führt geschmeidig die Unterhaltung, und kredenzt uns Nihonshu mit Wasser. Oneesan ist vernünftig und trinkt wenig. Ich hingegen merke wenig, und immer wieder wird nachgeschenkt. Auch kleine Snacks werden gereicht. Es wird weitergeplaudert, und schlussendlich werde ich zum Karaoke genötigt. Und wieder wird es Dschingis Khan. Doch dieses Mal singt auch Salarymen ein Lied, und die Bar-Mama. Ich bin gerührt. Weniger gerührt bin ich von den Örtlichkeiten: Das alte asiatische Klo hoffte ich nie wieder antreffen zu müssen. Wir sprechen und singen bis weit nach zwölf. Salaryman hat zwei Töchter, schon in der Junior High. S. scheint sich wohlzufühlen, dass kann aber auch am Nihonshu liegen, der weiter ausgeschenkt wird. So langsam merke ich dass S. und Salaryman langsam genug haben. Irgendwann zückt Salaryman die Geldbörse, mir wird ein Kamm überreicht als Geschenk. Ich zücke meine Börse, doch die Mama winkt ab, Salaryman hat alles gezahlt.

Verdutzt stehe ich mit der kleinen Gruppe draussen. Ich schaffe es, dem wild ablehnenden Salaryman eine 10000Yen-Note einzustecken, und wir machen uns im Regen auf den Heimweg.

S. und Oneesan verabschieden sich, Salaryman begleitet mich zum Hotel.

Ich werde diese Nacht am nächsten Tag büßen müssen, das wird mir klar. Aber ich bereue sie nicht. So eine Situation gibt es nicht oft. Vier wildfremde Menschen, an einem Abend vereint, verbunden darin, fremd zu sein, der eine mehr, der andere weniger. Verbunden mithilfe des starken Kommunikators, Alkohol. Ich bin diesen yasashii hito sehr dankbar. Ich bereue, kein gemeinsames Bild gemacht zu haben. Aber vielleicht sieht man sich einmal wieder. Zumindest von S. habe ich den Messenger-Kontakt. Und ein Schnappschuss mit seiner Flasche.

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