Ein Rückblick.
Eine Woche in Setagaya. Ich fange an, mich einzuleben und die Gegend etwas besser kennenzulernen. Ich verfahre mich nur noch selten oder steige in den falschen Zug (immer diese 急行’s, die nicht an meiner Station halten sondern durchfahren…) Ich habe mehr Geld für Kleidung ausgegeben als in den letzten zwei Jahren zusammen, das Viertel 下北沢 in der Nähe verkauft Second-Hand-Kleidung in Mengen, und in Shinjuku gibt es tolle Läden. Ich fühle mich hier auch ständig under-dressed: Der Standard-Tokyoter ist für deutsche Verhältnisse unglaublich schick, sowohl was Kleidung angeht als auch wie er/sie sich onduliert und pflegt. Da kann ich nicht mithalten, aber ich versuche, nicht zu unangenehm aufzufallen. Für viel mehr weitere Aktivitäten war es definitiv zu heiß diese Woche. Am Freitag hat es endlich etwas abgekühlt, ich freue mich auf den baldigen Herbst in Tokyo. Ich habe eine Musikschule in 東松原 gefunden, in der ich stundenweise Klavier üben kann. Der erste Friseurtermin ist für nächste Woche eingeplant. Ich schwebe zwischen Urlaub und „normalem Leben“ hier. Obwohl ich nicht arbeiten muss/darf, sind die Tage bis jetzt gut ausgefüllt. Ab nächster Woche will ich jeden Tag einige Stunden fürs Programmieren, Lernen und Japanisch einplanen. Ich freue mich auf den baldigen Besuch in 大阪, dort werde ich meine Brieffreundin N. treffen, und spannende Aufführungen besuchen. Sie versorgt mich mit Infos z.B. über die Wetterlage (war etwas kritisch in Tokyo, als ich in Tohoku war), und bietet Hilfe bei Hotelreservierungen – für 大阪 derzeit äußerst hilfreich, da die Expo die Preise explodieren lässt.
可愛いかわい。

Setagaya – 代田橋、東松原、明大前、羽根木。
Setagaya bei Nacht ist immer noch ein Erlebnis für mich. Für den Einheimischen ganz gewöhnlich nimmt mich die Alltags-Ästhetik immer noch gefangen. Alles wirkt wie aus einem Manga oder Anime entsprungen. Die Strommasten und abenteuerliche Verkabelung. Immer mal wieder die Häuser aus der Showa-Zeit. Das Klingeln der Signale am Bahnübergang. Kleine Kinder, die in hohen Stimmen niedliche Wörter auf Japanisch rufen. Schüler, die in Uniform und in Scharen um vier aus der Schule strömen – und dann nochmal um 9 abends, wenn die 部活, die extracurricular activities, vorbei sind. Immer mal wieder das Zirpen von Zikaden.
深夜食堂。
Ich habe 重さん und 濱さん kennengelernt, zwei freundliche Wirte in den kleinen Bars und Izakayas, die man in Japan einfach liebgewinnen muss. Da ich hier nicht wirklich arbeite, sind diese abendlichen Besuche meine einzige Quelle etwas längerer Gespräche hier. Mein geradebrechtes Japanisch funktioniert mal gut, mal schlecht, am Abend, in gelöster Stimmung, klappt es allerdings immer besser.
重さん’s Laden liegt mitten im Wohngebiet. Gedämpftes Licht fällt auf eine Holzbar mit Counter, es läuft Jazz und Blues. Wenn ich da bin ist meist nicht so viel los (nun ja, ich war erst zweimal da) – aber es gibt eine heimelige Stimmung hier, eine riesige Plattensammlung und den unglaublich netten 重さん natürlich. Er kommt aus 千葉、und hat auch einige Jahre auf 沖縄 gelebt. Hier habe ich ein nettes schwedisches Pärchen kennengelernt, das hier nun einige Jahre lebt. Mit R., dem männlichen Teil des Paares, und seinem Herrn Vater M. war ich auch noch Fußballschauen in Shibuya. Ich studierte vor allem das Verhalten der japanischen Fans im Geheimen, und amüsierte mich über einige „typische“ UK-Touristen, die natürlich auch auf Weltreise kein Spiel ihrer Heimliga verpassen dürfen.


濱さん’s Laden ist ganz anders, winzig klein. Ich habe gehört, dass es dort たこ焼き gibt, Oktopusbällchen, doch bisher kam ich jedes Mal zu spät und bekam keine. Am ersten Abend nahm ich trotzdem Platz am Tresen, bestellte ein Bier und saß ganz in der Ecke für mindestens eine halbe Stunde. Der Master und die drei Herren in mittlerem (meinem) Alter unterhielten sich. Ich verstand nur Bruchstücke – Gesundheit, Geld und Frauen, das vermutete ich aus diesen rauszuhören als Themen. Es wurde mir etwas unangenehm, aber ich beschloss, tapfer das Bier auszutrinken. Irgendwann fragte mich einer, ob ich etwas verstehen würde. Ich antwortete: 何がなんだかわからない。(Ich verstehe nur Bahnhof) Das sorgte für Lacher, und der Damm brach. Die Herren an der Bar, unter anderem 多田さん und 俊くん, sprachen über Deutschland (natürlich), über Essen, über Sake (natürlich), aber auch über das Leben und die liebe Not mit ihren Frauen (beziehungsweise das Leid, das das Fehlen einer solchen anscheinend verursacht). Letzteres, so scheint mir, ist ein wichtiges und konstantes Thema in Izakayas zur fortgeschrittener Stunde. Man rauchte, aber das störte mich erst wirklich beim Heimkommen, als ich an meinem neuen Outfit roch. Ich muss hier sehr oft Wäsche waschen.
Beim zweiten Besuch war ich wieder zu spät für たこ焼き. Zwei Herren saßen an der Theke. Stattdessen aß ich Curryreis (カレーチャーハン), den der Master gekonnt in der winzigen Küche hinter der Theke zubereitete. Später erzählte er mir von seiner Familie (geschieden), dem Sohn, und ich plauderte ein wenig über mich. Aber an Familien-und Beziehungsdrama hattee ich nur wenig zu bieten. Bald füllte sich das Lokal, und es wurde schön eng. Ich trank einen ハイボール nach dem anderen, weil ich mir hatte sagen lassen, dass die weniger Kalorien als Bier hätten. Es war sehr vergnüglich und laut. Eine der Damen hatte Geschichte als Hauptfach an der Uni, arbeitet nun aber „fachfremd“ bei einer großen japanischen Industriefirma. Wir tauschten uns über Schlösser aus. Später kam noch ihre Schwester, ein Kendo-Champion, dazu, und ich hatte Mühe, die Damen auseinanderzuhalten. A.ちゃん neben mir zeichnete ein herrliches Bild mit Porträts der Anwesenden.




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