Was ich vermisse, nach drei Wochen in diesem Zwischending zwischen Urlaub und innerer Einkehr? Gute Frage. Manchmal wäre es schon schön, bei der Familie vorbeizuschauen, oder bei den Freunden. Whatsapp, Email etc. hilft da aber ungemein. Und es ist ja nicht so, dass daheim Weib und Kind auf meine Rückkehr warten würden. Ansonsten fehlt mir eigentlich wenig. Außer: die (Kirchen)musik.
In Japan erklingt verblüffend häufig geschmackvolle Musikauswahl, an Orten, an denen man es nicht erwartet als leidgeprüfter Deutscher. Ein wichtiger Grund (neben dem guten Gemüse), in einem Supermarkt in 下北沢 einzukaufen: Es läuft herrliche Barockmusik, Concerti, auch manchmal Bach. Beschwingt wirft man da noch ne Tüte Shiitake, wunderbar günstig, mehr in den Korb. Oder doch den (sündhaft teuren) Käse? Oder den Brokkoli für 500 Yen (Wucher)?

Auch 濱さん, der Wirt des netten kleinen Izakayas, ist sehr musikalisch und singt gerne bei seinen oftmals erstaunlich romantisch daherdudelnden Barschlagern mit. Den Einheitsbrei und Musik-Entgleisungen wie bei uns gibt es hier freilich auch. In einigen 下北沢’s Vintage-Clothing-Shops laufen Tracks, die in Deutschland oder den USA wohl auf dem Index stehen.
Doch ist das alles? Was ist mit der Kirchenmusik? Ich war an zwei Sonntagen hier in der katholischen Messe in Meguro (目黒). Ein Freund von mir hier kennt einen Priester aus dem Kongo, der dort am ersten Sonntag die Messe hielt. So passte das ganz gut zusammen, und ich musste nicht allein gehen. Inmitten von Tokyonesen, die es in ungewohnt lässiger Schlabbertracht (aber natürlich immer noch über die Maßen schick) zu Parks und Außenbezirken zum Müßiggang treibt, saß ich an zwei Sonntagen im schicken weißen Hemd schwitzend in der Yamanote-Linie nach Meguro. Der dort ansässige Pfarrer ist Mexikaner und spricht ein sehr schönes Japanisch (zumindest für meine Ohren). Die Gemeinde ist sehr international, mit Schwerpunkt auf Menschen aus Afrika (wohl viele von den Botschaften hier), auch viele Besucher von den Philippinen. Der Gesang ist daher wegen Unkenntnis der Lieder meist verhalten. Aber: Zumindest spielte eine Orgel, wenn auch etwas … zaghaft, zumindest bei der ersten Messe. Der Freund und einer seiner Bekannter, P. aus Indonesien, wollten danach Hamburger essen. Obwohl ich eigentlich nur Japanisch hier essen wollte, willigte ich ein, denn – ist nicht der japanische hambaga auch ein wenig 和食? Es lohnte sich und war vergnüglich. P. heiratet bald (eine Japanerin), und man merkte, dass es ihm guttat, über all die vielen Dinge zu reden, die hierfür zu erledigen sind: Hochzeit in Bali, wer zelebriert, welcher Familienname? Man drückt die Daumen.
Am zweiten Sonntag zelebrierte der Bischof von Tokyo in Meguro. Deshalb wurde auch der Gottesdienstplan geändert, was für P. und mich zu Verwirrung und Zu-Spät-Kommen führte: Nur die Kommunion konnten wir noch mitnehmen. Aber dafür einen wunderbaren Schlußgesang mit Schlagwerk der Brüder und Schwestern aus Afrika. Herrlich. Die Orgel wurde deutlich professioneller getreten, aber leider erklang sie wegen dem Chorstück am Schluss nicht mehr. Wir aßen in etwas anderer Besetzung wieder danach, diesmal Italienisch… Aber ich kann nicht klagen, die Pizza war gut (wie der Kellner als auch einer der Mitspeiser echt italienisch).

Nun, dies war bis jetzt meine Erfahrung mit japanischer Kirchenmusik. Am Sonntag werde ich wohl nach Tama fahren, in unsere Kirche, um einen Vergleich anstellen zu können.
Ansonsten übe ich hier am Klavier ein wenig; einerseits dieses herrliche (und ziemlich vertrackte) Stück von Stamm:
So wie der Meister kriege ich das (noch?) nicht hin. Ich bin erst auf Seite 2 🙂 Aber es wäre ein schönes Schlußstück für Weihnachten (クリスマス), Silvester (大晦日), oder einen Hochzeitsgottesdienst.
Ein japanischer „Gassenhauer“ muss aber auch sein, ein sanftes Stück, das ich eigentlich schon seit mehr als 20 Jahren kenne, und eine gewisse Bedeutung für mich hat. Es ist ursprünglich Filmmusik, von Joe Hisaishi, es nennt sich schlicht „Summer“ (oder きくじろの夏, der Titel des Films). Die erste Version, hier als Referenz, ist noch voller Fehler. Da es nicht allzu schwierig ist, hoffe ich, es bis in vier Wochen spielen zu können. 頑張ろう。
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