Zunächst: Es gab lange kein Lebenszeichen von mir. Es geht mir gut, und ich hoffe, dass es nun wieder etwas mehr zu lesen gibt. Mein Sprachkurs hat mittlerweile begonnen. Heute soll es aber um das zurückliegende Wochenende gehen.
Präludium
Schon seit fast zwei Jahren habe ich eine japanische Brieffreundin namens Nさん, die nahe Osaka, im Westen Japans lebt. Uns vereint die Liebe zum Sprachenlernen und zur Musik. Sie ist Pianistin, Klavierlehrerin und Komponistin, und lernt Deutsch. Als mein Sabbatical nahte, bot sie an, dass wir uns einmal von Angesicht zu Angesicht sehen könnten.
Daher machte ich mich am Freitag nach dem Sprachunterricht auf zum Tokioter Hauptbahnhof, um mit dem Shinkansen, dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug, nach Kansai zu fahren. In das alte Herz Japans.
Nさん hatte bereits zuvor Vorschläge geschickt für mögliche Unternehmungen, und dachte an Dinge, an die ich meist zu spät (oder gar nicht) denke. Zum Beispiel, dass augrund der Expo in Osaka dort derzeit die Hotelpreise explodieren. Sie reservierte ein Hotel nahe ihrer Heimatstadt vor.
So zerrte ich meinen großen Trekkingrucksack irgendwie in den Zug der Yamanote-Linie, die sich im Innern Tokyos im Kreise dreht, und war mir schon sicher, den Zug (mal wieder) zu verpassen. In Japan gibt es keine eingebaute Verspätungsgarantie – der Zug fährt pünktlich, mit oder ohne mir. Angekommen hastete ich durch den menschendurchtränkten Bahnhof, schlängelte mich durch das Menschenmeer wie eine Forelle, und stieg zwei Minuten vor Abfahrt in den Zug. Ich konnte kein Bento mehr kaufen und hatte kein Wasser dabei – aber lehnte mich trotzedem erleichtert zurück und gönnte dem Ojisan neben mir seine Dose Alkoholisches.
Während der Fahrt bekam ich Instruktionen von Nさん, wie ich Anschlüsse zu planen habe, und korrespondierte gleichzeitig mit den Münchnern bezüglich deren Aufenthalt im November, in dem wir nach Kyushu fahren wollen. Je näher ich Osaka kam, desto mehr überlegte ich, was ich wohl am besten sagen sollte, wenn Nさん und ich uns das erste Mal sehen. Eine Jikoshokai (自己紹介), eine typische japanische Selbstvorstellung? Sollte ich einen Text vorbereiten? Und in welche und wieviele Fettnäpfchen würde ich tappen? Und würde ich das jemals herausfinden? Wie würde das Wochenende ablaufen?
Ankunft
Osaka empfing mich mit pochender, schwüler Hitze, wie sie in Tokyo auch noch vor einigen Wochen herrschte. Die Expo zieht immer noch riesige Menschenmassen an. Schwitzend wechselte ich die pappvollen Züge, bis ich schließlich in X ankam, einem Vorort von Osaka. Am Zielbahnhof wollte Nさん auf mich warten.
Ruhige japanische Bahnhöfe haben eine seltsame Magie am Abend. Ich näherte mich dem Fahrkarten-Gate, nur wenige Menschen waren hier am Abend unterwegs. Eine Dame stand dort alleine. Sie wartete und strahlte, als sie den einzigen Gaikokujin in der kleinen Gruppe herannahen sah.
Sie begrüßte mich herzlich. Ich verbeugte mich wie im Unterricht gelernt und stammelte ein paar Worte. Keine Distanz kam auf, sie plauderte auf Japanisch los, ich stammelte und strahlte zurück.
Plaudernd führte Sie mich in ein Restaurant, in dem wir うなぎ、 Aal mit Reis aßen. Schon Nさん’s Vater aß hier gerne.
(Warum ich nur den Sake und die Saketasse, nicht aber den Aal fotografiert habe, weiß ich selbst nicht mehr genau)

Wir plauderten über viele Dinge, Musik, die Familie, viele Dinge aus den geschickten Briefen, die Pläne für die weiteren Tage. Ich war beeindruckt, wieviele Punkte aus unseren Briefen ihr im Gedächtnis geblieben sind. Selbst einige der Fettnäpfchen, in die ich schon zuvor getreten war, wurden behutsam von Nさん aufgedeckt. Ich konnte im Gegenzug einige deutsche Ausdrücke und Wörter übermitteln.
Der Aal war vorzüglich, und meine Anspannung ließ etwas nach. Es begann allerdings das, was ich als Bezahlphänomen bezeichnen möchte. Fast unbemerkt bezahlte Nさん die Rechnung, trotz meinem etwas späten Protests. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Ich erlebte おもてなし(Omotenashi), japanische Gastfreundschaft, in allerhöchster Form.
Auch an der Hotelrezeption (kein Englisch!) half Nさん, und bei der nicht ganz einfachen Navigation zum etwas entfernten Hotelgebäude. Wir plauderten noch lange Zeit. Und tauschten Präsente aus: Ich hatte
deutsche Süßigkeiten, Noten von meiner Klavierlehrerin und ein 守り(Talisman eines Schreins) aus 伊勢 (Ise) mitgebracht, Nさん hatte Sake als Präsent dabei.
Wir besprachen den Plan für morgen, um 8:30 (sic!) sollte es losgehen. Erst spät brach sie auf (mit dem Fahrrad, kein Problem in Japan, spät abends als gesetzte Dame heimzufahren, sagte sie) – ich sorgte mich trotzdem etwas. Ich ließ ein heißes Bad ein (sehr 日本人らしい) und reflektierte den Tag. Es war viel geschehen, fast schon etwas unwirklich kam mir das alles vor. Doch das kochendheiße Wasser des Bades – das war real. Und das Beste sollte erst noch kommen.
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