Ich habe gut geschlafen. Aber ein leichter Kopfschmerz pocht an den Schläfen. Die Fahrt und der Temperaturwechsel, vermute ich. Nさん wartet bereits am Bahnhof von X. Ich rätsele über passende Garderobe und spute mich, um trotzdem zwei Minuten zu spät zu sein.

Wir besorgen uns Kaffee im Bahnhofs-コンビニ. Mir fällt auf: Die Menschen in Kansai haben einen etwas dunkleren Hautton als viele Tokyoter. Letztere achten darauf, keinen Sonnenstrahl an die Haut zu lassen, u.a., weil diese Falten verursachen könnte. Aber ich muss zugeben, dass etwas Farbe keineswegs von Nachteil sein muss. Nさん zeigt mir ein Plakat. „Das war mein Schüler“. Ein junger Mann mit einer Theorbe lächelt dort, er gibt ein Konzert in seiner Heimat, gerade lebt er in Deutschland. Beeindruckt notiere ich mir den Namen des Lautenisten, der vor allem auch klassische Gitarre spielt.

京都 – 伏見

Der Morgen führt nach Kyoto. Aber nicht zu den ehrwürdigen Tempeln und Pagoden, die bereits von Touristenmassen überschwappen. Wir besuchen Fushimi, in dem Kyotos bester Sake gebraut wird. Schon am Bahnhof erwarten uns die Sakefässer.

Das hochwertige, sanfte Wasser der Kyoto-Ebene gibt dem Reiswein die Eleganz und Güte. Diese Kostbarkeit wurde in alter Zeit mit prachtvollen Booten ins ganze Land transportiert. Dies ist einer der Gründe, warum Fushimi von einem System von Kanälen durchzogen ist. Zunächst werden Karten für eine Bootstour erstanden (wieder schaffe ich es nicht, zum Bezahlen durchzukommen). Diese etwas zerknitterte, aufgequollene Gestalt hier zeigt den Autor am Wasser.

Vor der Tour ist noch Zeit, die Sakebrauerei 月桂冠 anzuschauen. Nさん kennt sie schon, geht aber liebenswerter Weise nochmal mit. Ich staune über die Herstellung mittels eines Pilzes (Koji), der auch für andere japanische Lebensmittel verwendet wird, und später in Kooperation mit Hefe aus Reis erst Zucker und dann Alkohol entstehen lässt.

Sakefässer, leider leer:

Natürlich gibt es auch eine Verkostung. Mein Kopf schmerzt noch immer etwas, aber das reichlich verfügbare Quellwasser zwischen dem Sake hilft etwas. Einer der Angestellten beim Verkosten stellt sich als Frankfurter Jung heraus (wie klein ist die Welt doch), und strahlend unterhält er sich mit Nさん und mir ein Weilchen auf Deutsch. Es hat etwas Beruhigendes: Im Garten der Brauerei Wasser in ein Sakeglas füllen. Im Inneren trockenen und süßen Sake probieren. Jeder Wein ist auf seine Art vorzüglich. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil Nさん keinen Alkohol trinkt. Ich hoffe, dass sie trotzdem unterhalten wird. Ein Detail aus dem friedlichen Garten der Brauerei: Auch Mäuse schätzen einen guten Tropfen.

Wir machen uns auf den Weg zum Bootssteg. Eine Gruppe älterer Herren plaudert mit Nさん, und bittet uns (mit wie ich vermute leichtem Kansai-Dialekt, denn ich verstehe gar nichts) auf das Boot.

Wir besteigen vorsichtig den kleinen, schwankenden Holzkahn. Den Moderator und gleichzeitg „ersten Maat“ schätze ich auf circa 75. Mit dem typischen blauen Habit von Matsuri-Mitarbeitern und Verkäufern schwingt er sich behende aufs Boot, macht die Vertauung auf, und schon geht es los durch die Kanäle. Hier seine Kommandozentrale:

Der Moderator erläutert ab und an interessantes über sein Mikro, das ich nicht verstehe, zwischendurch wird typisch japanische Musik gespielt, und eine Dame mit hoher Stimme vom Band erläutert weiteres. Das wäre gar nicht nötig: Die Fahrt erfrischt durch eine sanfte Brise, es ist entspannend und 気持ちい, an Weiden vorbei durch Kyoto zu fahren. An einer Schleuse machen wir halt, und Nさん und ich besichtigen ein kleines Museum.

So kann also Kyoto auch sein: Still, entspannt, aber immer noch elegant. Ich bereue es nicht, keinen der großen Tempel besucht zu haben, diese Seite Kyotos war perfekt für diesen Tag. Und wir haben auch einen Tempel gesehen (natürlich mit Sakefässern, im eher chinesischen Stil):

狂言

Wir sputen uns, um rechtzeitig zum Kyogen nach 東大阪 zu kommen, Nさん hat Karten besorgt. Kyogen ist eine Art humoristischer Bruder von Kabuki, also japanisches Theater, nicht ganz unverwandt zum deutschen Lustspiel. Wir kommen rechtzeitig, und lassen uns im Restaurant des Kulturzentrums Pizza schmecken. Ich denke an meine Figur und ordere „Salatpizza“. Und ich bekomme genau das: Salat auf Pizzateig. Das Verspeisen ist schwierig, aber sie schmeckt, und ich bin stolz, auf meine Linie geachtet zu haben. Und ich bin auch stolz, endlich einmal etwas bezahlen können zu dürfen.

Ich bin der einzige Nichtjapaner im Publikum, will mir scheinen. Das Stück besteht aus drei Akten. Auch ohne Japanisch kann man die ersten beiden gut verstehen. Ein Fest: Bunte Kostüme, stimmgewaltige Schauspieler, lustige Szenen. Eine altehrwürdige Schauspielerfamilie, alles Männer, stellen fast alle Rollen. Nur zu empfehlen ist diese Art des Schauspiels, in dem Themen vorkamen, die man auf der ganzen Welt kennt: Die zankende Schwiegermutter, der Vielfraß im Baum (nun, dieses Thema ist vielleicht etwas speziell) – der lästernde Angestellte, den sein Chef erwischt. Ich bin glücklich nach dieser Vorstellung, auch wenn mein Kopf mir immer noch keine Ruhe geben will. Wir machen eine Pause in der 図書館, der Bücherei des Zentrums. Hier kann man sich Bücher an die Tische nehmen und lesen. Nebenan probt ein stimmgewaltiger Männerchor japanische Lieder. Ganz wie daheim. Wir entdecken herrliche Holzschnitte in den Kunstbüchern.

Es ist schon Nachmittag, bald wird die Sonne untergehen. Nさん sagt, dass es noch ein Matsuri, ein japanisches Fest an einem Schrein gibt. Ich mag Matsuris, aber ich weiß nicht, ob sie schon erschöpft ist, versuche, das durch Fragen herauszufinden. Doch sie meint „行きましょう“, lass uns hingehen. Wir verlassen 東大阪 und steigen in die Bahn. Wir wechseln öfters den Zug, und immer mehr Menschen steigen zu. Bald steigen wir mit einer großen Menschentraube aus, Kind und Kegel, viele in Matsurikleidung, Kimono oder speziellen Kitteln. Besonders niedlich bei den Kindern, die freudig aufgeregt, aber nicht schreiend zum Fest strömen. Selbst in solchen Menschenmengen zeigt sich die japanische Veranlagung zur Disziplin. Man weicht aus. Ich merke aber, dass diese großen Menschenmassen nicht ganz Nさん’s Welt sind. Wir steigen den Hügel hinauf, auf dem der Schrein steht, Menschen überall, die kleinen 屋台, Verkaufsbuden mit Leckereien.

Hier stehen die Mikoshi, kleine, tragbare Schreine. Nun ja, klein ist wie immer relativ. Jeder Stadteil hat normalerweise einen solchen Mikoshi. Die Jungs und Mädels in Blau um den Mikoshi herum gehören zu dem jeweiligen Stadteil, und sind dazu auserkoren, den tragbaren Schrein unter lautem Kampfgetön durch die Gegend zu tragen – hier vom Hügel hinunter und wieder hoch. Es ähnelt einer Mischung zwischen Karneval und Prozession. Nur noch etwas ausgelassener – aber disziplinierter.

Leider erlaubt mein Bloganbieter keine Videos – man muss sich die Atmosphäre also aus dem Bild mit seiner Fantasie herleiten. Man sollte jedes Matsuri besuchen, das sich einem in Japan bietet. Nさん war zum ersten Mal auf diesem, und wir brechen bald nach dem Schreinlauf auf, zuviele Menschen, zuviel Trubel. Wir essen in X in der Food Mall eines デパート (großes Kaufhaus) zu Abend, und lassen den Tag Revue passieren.

Bald sprechen wir über Deutsch und Japanisch. Ich plaudere von meiner Sprachschule, wir erörtern Datumsangaben, Artikel und Geschlechter im Deutschen. Es macht Spaß, inmitten von Teenies, Familien mit Kids und anderen Einkäufern über Deutsch zu sprechen, und wir geben bestimmt ein interessantes Bild für die Umwelt ab, mit unserem Dialog auf Deutsch und gutem und stümperhaftem Japanisch. Ich fühle Dankbarkeit und versuche das auszudrücken: Nさん hat perfekt geplant und durchgeführt, ich fühle mich sehr in ihrer Schuld. Sie wiegelt ab, und wir sprechen darüber, wie meine Reisen normalerweise aussehen: etwas planlos, spontan entschieden. Wir lachen, als ich den minutiös durchgetakteten Plan der Münchner Freunde zeige. Und eines meiner Lieblingswörter wird erwähnt: おっちょこちょい, occhokochoi – nachlässig, vergesslich – so empfinde ich mich häufig. Müde machen wir uns auf den Heimweg, Nさん radelt, ich schließe mein Hotelzimmer auf. Im コンビニ um die Ecke besorge ich noch Waschmittel, denn ich habe eine schöne Waschmaschine im Zimmer – und hier auch einen Balkon, auf dem ich trocknen kann. Morgen geht es etwas später los, das ist gut. Mein Kopfschmerz ist nur noch leicht vorhanden. Ich schlucke trotzdem eine Ibuprofen, und lege mich verhältnismäßig früh zu Bett. Morgen wird eine Freundin von Nさん zu uns stoßen. Ich bin gespannt.

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