Das Kopfweh ist wie weggeblasen am nächsten Morgen. Ich inspiziere den Hotelbalkon: Die Wäsche ist noch nicht reif zum Einbringen.

Wie gestern treffen Nさん und ich am Bahnhof aufeinander, wir plaudern über den heutigen Tag und über die Musik – und über die Uhrzeiten in Deutsch. Ich verblüffe und verwirre Nさん durch schwäbische Zeitangaben wie „Viertel vor 11“. Und als gute Lehrkraft prüfe ich ihre Kenntnisse der Uhrzeit gleich auf Herz und Nieren.

Heute wird es ein weiteres Matsuri (Fest/Kirmes) geben, eine Freundin von Nさん wird uns begleiten, Tさん. Ich hoffe, dass ich mir den Namen merken kann, bis wir auf sie treffen, und sage ihn mir leise vor. Ich bin gespannt, wie der Tag verlaufen wird. Nさん navigiert uns wieder gekonnt durch das Schienennetz von Osaka. Es ist normalerweise nicht üblich, in der Bahn zu sprechen. Wir plaudern aber oft. Ich hoffe, dass die Gespräche des seltsamen 外国人, der Japanisch radebricht, zumindest unterhaltsam sind für die anderen im Zug.

Tさん wartet auf uns, in strahlender gelber Jacke. Das finde ich sympathisch, das sticht ein wenig heraus. Sie hat gleich zwei Schirme mitgebracht – vorsorglich, der Wetterkami weint heute ab und an. Ich verneige mich und mache die kurze 自己紹介. Ich merke, dass Tさん eine resolute Persönlichkeit ist. Sie lernt auch Deutsch, scheint aber nicht so gerne Deutsch zu sprechen. Die Damen plaudern etwas, ich verstehe wenig, aber das passt: es gibt viel zu sehen um mich herum, und ich freue mich, dass Nさん ein Weilchen in natürlichem Tempo sprechen kann. Wir sprechen über Burgen (Tさん sammelt Burgstempel, und möchte alle 200 Burgen in Japan besuchen – 頑張って), und Verschwörungstheorien über in größerer Anzahl ablebender AFD-Politiker im Osten Deutschlands (wovon ich zuvor noch nie etwas gehört hatte). Tさん reicht mir plötzlich eine Foto-Broschüre – ihre Tochter hat vor kurzem geheiratet. In Kyoto. Traditionelle, japanische Hochzeit im Shinto-Schrein. Ich staune über wundervolle Bilder, die Braut im Kimono, der Bräutigam im eleganten japanischen Festgewand. Fröhliche Gesichter, wohin man schaut. Herrliche Bilder. Tさん, so erfahre ich später, hat die Tochter vom Kleinkindalter an alleine aufgezogen und für sie gesorgt.

So unterhalten erreichen wir die Station, die für das Matsuri-Schauen auserkoren wurde. Bei diesem Matsuri fahren Danjiri, Festwagen, auf einer zuvor abgesteckten Route. Jede Stadt (Stadteil) Osakas ist mit einem Danjiri vertreten, und er wird von einer Menge Menschen aus dem jeweiligen Viertel gezogen – der Rest läuft dahinter oder sitzt auf dem Danjiri selbst. Musik wird auch gespielt, Flöten auf dem Wagen, Trommeln im Wagen. Am Straßenrand steht die jubelnde Menge. Es hat etwas von Karneval. Wir überlegen, wo wir etwas zu essen bekommen vor dem Start – ich schlage der Einfachheit halber den Supa vor – ein Bento und Bier zum Beispiel. Zuerst wird gezögert, ob das dem Gast auch reicht, doch ich kann überreden, und Tさん und ich besuchen den riesigen Supermarkt auf der anderen Straßenseite. So einen hätte ich auch gerne in Setagaya. Er ist voller Matsuri-Gäste, die sich ebenso wie wir eindecken. Ich kaufe für Tさん ein Bier mit, aber natürlich kauft sie auch eins für mich (wir haben nun 4 Bier). Und sie winkt ab, als ich ihren Einkauf oder wenigstens das Onigiri für Nさん erstehen möchte. Das Bezahlphänomen… Ich sage: Aber ich bin Deutscher. Sie sagt: Aber ich bin Japanerin. Tja, Patt.

Wir legen Zeitungen aus, setzen uns an den Wegesrand, und lassen uns Bento, Bier und Kaffee schmecken. Ich fühle mich wohl. Ein Ojisan, ein älterer Herr, kommt vorbei. Nさん scheint es ihm angetan zu haben (oder auch die Tatsache, dass hier ein 外国人 sich niederließ mit zwei japanischen Damen). Er plaudert drauflos und gibt Informationen. Er ist 75(?)-jähriger Feuerwehrmann, sieht aus wie 60, und erläutert, wie teuer die Danjiri sind. Ich werde von ihm mit Tom Cruise verglichen und als „ハンサム“ (hansamu, handsome) bezeichnet. Dieses Kompliment nehme ich vorsichtig auf, das hat schonmal jemand zu mir gesagt, vor 4 Jahren, in 石垣, als ich noch 20kg mehr auf die Waage brachte. Aber trotzdem lässt es meine Laune noch weiter steigen.

Ich staune über die Menschenmassen, viele in der traditionellen Matsurikleidung, auf dem der Namen ihrer Stadt als Kanji prangt. Kind und Kegel sind dabei, goldig, die kleinen Knirpse und Mädels, die mit Feuereifer dabei sind. Wir entdecken auch Stilblüten unter den Kostümen, die Stadteile wollen sich natürlich gegenseitig ausstechen. Von Expo-Maskottchen zu amerikanischen GIs (アメリカ村?) ist alles vertreten. Ich finde die geschminkten Jungs im Maidkostüm am gelungensten.

Der Herr in Braun ist wohl Herr Zwiebel, ein wichtiges Gemüse für diese Stadt. Super Mario ist auch auf dem Wagen, wenn auch ein wenig in die Jahre gekommen:

Wir haben nicht herausgefunden, warum diese Schüler als Aliens (?) auftreten:

Auch goldig: Die Gymnasiasten im Feenkostüm.

Das Matsuri beginnt, und (wie so oft in Japan) – geduldiges Warten ist angesagt, bevor die Festwagen losfahren können. Diszipliniert steht der erste Wagen vor uns. Nさん plaudert mit den Jungs, die die Mannschaft bilden.

Der Ablauf ist simpel: Die nächste Gruppe wartet, bis sie das Zeichen zum Start erhält, immer begleitet von Flöten und Trommeln. Dann beschleunigen die Seilträger, und der Danjiri rast in einem Affenzahn um die Ecke – darauf die waghalsigen Danjiri-Fahrer, die der Fliehkraft trotzen, und unter frenetischem Applaus.

Da kommt er um die Ecke:

Hier der Augenblick höchster Spannung; souverän steht der oberste Danjirifahrer auf seinem Gefährt.

Auch wenn noch so viele Wagen vorbeifahren, es wird nicht langweilig. Elektrisierend ist die Stimmung, trozt gelegentlichem Regen. Vor uns hat eine Familie eine kleine Zeltstadt aufgebaut und sitzt in Klappstühlen am Wegesrand, ältere Damen plaudern mit Nさん und Tさん über die Stadteile. Ich staune und filme. Das ist Oosaka. Hier spürt man, dass dieses Fest wichtig ist, Teil der Kansai-Seele der Menschen. Das sieht man auch hier, am Ende des Schauspiels, in den Gesichtern der Danjiri-Besatzung.

Mir hat es die Flöte angetan, eine Bambusquerflöte, mit einem Klang, der sehr charakteristisch für Matsuris ist. Vielleicht erstehe ich so eine.

Wir entfliehen dem Trubel, und nehmen ein Taxi zur Kishiwadaburg, der kleinen Schwester der Osakaburg. Das Taxi kann endlich ich durch einen Trick selbst bezahlen, ich bin sehr stolz, obwohl es nur 1000 Yen sind. Wir verschnaufen im Besucherzentrum der Burg. Auch wenn ich Nさん erst vorgestern und Tさん erst heute kennengelernt habe, plaudern wir ungezwungen. Durch das Matsuri (und vielleicht auch die zwei Bier auf nüchternen Magen) bin ich in Hochstimmung. Wir machen uns auf dem Weg zum Schloß. Wie es oft so ist: Wenn Gäste da sind, besucht man Orte in seiner Heimat, die man sonst nicht aufsucht, so ist es auch mit Nさん und Tさん und dieser Burg. Sie lohnt sich.

Ein herrlicher Steingarten ist vor der Burg angelegt. Wer genau hinsieht, kann eine geheime Botschaft entdecken:

Das Wetter ist wunderbar, leichte Wolken und Sonnenschein. Wir besuchen die Ausstellung in der Burg und amüsieren uns über die Ausstellungsstücke, und berühmte Persönlichkeiten, die auch Tさん und Nさん nicht gekannt hatten. Die Burgherren waren illustre Persönlichkeiten, mit einer Vorliebe für Pferde und Kalligrafien. Tさん erklärt mir, dass beispielsweise dieses Exponat ein Taxi gewesen sei (駕籠):

Die Aussicht vom Burgturm herab ist atemberaubend. Wir bleiben lange oben, schauen und plaudern, bis uns eine unglaublich kraftvolle Melodie aus dem Lautsprecher aufschrecken lässt und daran erinnert, dass die Burg so langsam schließt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was das folgende Poster in der Burg zu bedeuten hat: Aber eventuell sollte man sich vor Tintenfischen in Acht nehmen. Vielleicht rächen sich die vielen Takoyaki (Tintenfischbällchen), für die Osaka berühmt ist, irgendwann einmal:

Ich bin stolz, unsere kleine Gruppe mit Google Maps zum Bahnhof navigieren zu können. Wie wir so auf dem WEg über dieses und jenes plaudern, senkt sich langsam die Sonne.

Zum Abendessen führt uns Tさん in ein Izakaya, eine Mischung aus Restaurant und Kneipe, sehr beliebt in Japan. Vieles auf der Karte kenne ich nicht, wir bestellen kreuz und quer. Die Damen loben die Bedienung und plaudern mit ihr. Das Mädel ist sehr groß, blondgefärbte Haare, und wohl im ersten Semester an der Uni, Hauptfach Schauspiel, und hat sogar Deutsch gelernt in der Schule, davon sei aber nichts mehr da. Ich sage, dass die 制服 (Uniform) 可愛い (niedlich) sei, und werde prompt von Tさん getadelt: Nicht nur die Uniform, das ganze Mädchen sei 可愛い! Ich schmunzle. Nさん und Tさん bestellen wunderbares, ich freue mich über Highball 1, 2 und 3, während Tさん sich auf den Weißwein konzentriert. Es ist selten der Fall, aber alles, was ich esse, ist absolut köstlich. Von dem gegrillten Fleisch zum Oden (Eintopf) bis hin zu den kleinen Spießen mit allerlei Sojahaltigem. 気持ちいい。

Tさん ist Designerin und schreibt mir ihren Namen in Kanji auf. Ich bewundere die Handschrift, stümpere das Kanji für Traum (夢) und labe mich an der Bewunderung der Damen. Tさん schenkt mir ihren Tuschestift, ich lehne ab, aber vergebens. Auch über die Zukunft wird gesprochen. Ich denke daran, dass das Sabbatical in 6 Wochen zu Ende ist – und ich bis dahin einige Fragen über die Zukunft entscheiden sollte. So merke ich zu spät, dass sich Tさん kurz entschuldigt, und nach einiger Zeit wiederkommt. Natürlich wurde hier heimlich die Zeche beglichen, und wir verabschieden uns. いい友達ができた, Du hast gute Freunde, werde ich morgen zu Nさん sagen. Und ich stehe in Tさん’s Schuld, und natürlich noch mehr in Nさん’s. Ob man dazu 恩 (On) sagen kann? Das muss ich begleichen. Nさん begleitet mich nach X, und wir kehren auch kurz gemeinsam im Uniqlo ein, um meine ramponierte Tasche auszutauschen. Auf ihre Frage, wie es heute war, kann ich nur 最高 (absolut top) stammeln. Hoffentlich war der Tag für Tさん und Nさん genauso eindrucksvoll und erfüllend wie für mich, denke ich am Abend, im Konbini, 100m von meinem Hotel entfernt. In dem sich die Jugend der Gegend gerade mit Getränken für das anstrengende lange Wochenende eindeckt.

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