Der letzte Tag in Kansai. Ich habe wieder gut geschlafen – vielleicht auch dank eines ウコンの力, das ich gestern gekauft und getrunken habe. Diese Fläschchen enthalten B-Vitamine und Kurkumin, und sind als Anti-Kater-Mittel sehr beliebt in Japan. In dem Konbini, den ich gestern besucht habe, tummelte sich viel Jugendliches, und der Vorrat an diesen Fläschchen war dort schon bemerkenswert geschrumpft.

Der gestrige Tag schwingt noch in mir nach, als ich die Wäsche vom Balkon hole. Ich überlege, was ich heute anziehe, zum Bunraku, dem japanischem Theater mit fast lebensgroßen Puppen, zu dem Nさん und ihre Freundin Yさん Karten besorgt hat. Da sollte es schon ein wenig vornehmer sein – aber das neue weiße Hemd vom Uniqlo will nicht so recht zur einzig verfügbaren Hose passen. Egal, ich habe trotz großem Rucksack heute keine andere Wahl bei der Kleidung.

Ich treffe mich mit Nさん ein weiteres Mal vor dem Bahnhof. Sie erzählt mir einiges Wissenswertes von Ihrer Freundin (vor allem den Namen, den ich mir einige Male innerlich aufsage), und wir plaudern über Deutsch und Bunraku, und die スナック’s, etwas „interessante“ Bars, die es in der Nähe meines Hotels gibt. Ich habe mir auf Nさん’s Rat hin die Geschichte des heute gegebenen Stücks durchgelesen (https://en.wikipedia.org/wiki/The_Love_Suicides_at_Sonezaki), eine Art Romeo und Julia im Gewand der Meiji-Zeit. Das Theater selbst ist architektonisch bemerkenswert, wir besuchen eine kleine Ausstellung über Bunraku dort, bis Yさん zu uns stößt, sie hat die Karten.

Ich trage an meinem Trekkingrucksack, und sehe bestimmt sehr lustig aus in dieser Aufmachung, in dieser doch sehr distinguierten Umgebung. Es ist mir etwas peinlich, mich so Yさん vorzustellen, die im eleganten Kleid erscheint. Sie begrüßt uns freundlich und plaudert. Der tappsige Germane und die eleganten japanischen Damen.

Beim Bunraku werden große Puppen von bis zu drei Puppenspielern gesteuert, die auf der Bühne sichtbar sind, aber bald gar nicht mehr wahrgenommen werden. Die Bewegungen sind geschmeidig, sie werden von einem Rezitator und Shamisen-Spielern (japanisches Saiteninstrument) begleitet. Der Rezitator spricht und singt alle Stimmen, in einem charakteristischen und beeindruckenden Singsang, perfekt auf das Spiel angepasst.

Yさん ist eine solche Rezitatorin. Aber leider nicht heute, heute wird sie mit uns im Publikum sitzen. Sie erzählt über die Tätigkeit, und ich staune besonders über die „Rezitationsbücher“, aus denen die Geschichte vorgetragen wird. Sie singt auch, und wird ab und an von Nさん auf dem Klavier begleitet. So gerne würde ich das einmal hören. Nachdem ich den Rucksack in ein Schließfach verstaut habe können wir uns auf den Weg in den Theatersaal machen. Wir haben sehr gute Plätze, Mitte und nahe der Bühne. Nさん hat im Voraus eine App heruntergeladen auf ihr Telefon, mit der man Untertitel auf Englisch mitlesen kann, natürlich nur für mich. Perfekt vorbereitet, das habe ich schon oft in den letzten Tagen erleben dürfen.

Der Shamisen-spieler und Rezitator erscheinen. Letzterer hebt sein Buch wie der Diakon das Evangeliar in der Kirche, und startet mit der Rezitation. Die ersten Puppen erscheinen. Bald ist man verzaubert. Die Puppen zeigen Mimik und bewegen sich unglaublich realistisch. Man wird von der Geschichte mitgenommen, auch wenn ich so gut wie nichts von dem alten Japanisch (noch dazu mit leichtem Kansai-Dialekt) verstehe. Doch wie schon bei Kyogen, Kabuki früher und Matsuri umfängt einen der Zauber dieser so fremden Kunstform, und man vergisst sich. Das ist wie im Orgelkonzert, wie im Orchester, oder bei der Matthäuspassion. Nach der Pause, zum dramatischen Finale, kommen weitere Shamisenspieler dazu, und spielen meist unisono. Das liebende Paar muss sich das Leben nehmen, dem Ansehen des Mannes wegen. Nun ja, es hätte aus der Sicht eines pragmatischen Deutschen da andere Möglichkeiten gegeben, aber im Japan der Meiji-Zeit war das wohl die einzige Möglichkeit. Trauriges Ende, aber trotzdem いい感じ。Welch ein Erlebnis.

Der Zug fährt in einigen Stunden, aber wir haben noch genug Zeit für ein Essen. Die Damen führen mich in ein Restaurant in einem Depato, wo einmal mehr geschlemmt wird.

Ich habe nur eine kleine Schachtel Schokolade für Yさん dabei, sie schenkt mir ein Omiyage aus Nara, ihrer Heimat, der alten Hauptstadt Japans: Tee und ein Omikuchi, ein Weissagungspapier, das oft in Schreinen angeboten wird. Ich staune über die Projekte, die Nさん und Yさん zum Besten geben. Erlkönig auf Japanisch, das klingt schon interessant. Das Essen wird von einem guten Sake begleitet, ein roter Faden für diesen bemerkenswerten Ausflug nach Kansai. Wir verabschieden uns von Yさん、und Nさん lässt es sich nicht nehmen, mich bis zum Shinkansen-Bahnhof 新大阪 zu begleiten. Es ist das letzte Wochenende der Weltausstellung, es wimmelt schlimmer als zur Rush Hour in Tokyo. Viele Japaner (aus Tokyo?) kaufen noch Omiyage, also Präsente, für die Verwandten daheim. Es ist noch etwas Zeit, wir stellen uns in die Schlange vor ein Café am Bahnhof. Wir plaudern, Nさん überreicht noch ein Abschiedsgeschenk, das mich sehr berührt. Beim Abschied fließen Tränen. Ich verspüre große Dankbarkeit und Freundschaft, und nehme mir vor – einmal mehr muss ich nach Kansai, bevor es zurückgeht nach Deutschland.

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