Ich besuche für vier Wochen eine Sprachschule in Jinbocho (神保町). Dieses Viertel beherbergt neben unzähligen Buchläden viele Fakultätsgebäude mehrerer Universitäten. Fachbereiche Jura und Wirtschaft scheinen zu dominieren.
Daher sehe ich viele gestriegelte und schicke Jungs und Mädels vor mir hergehen, auf meinem täglichen morgendlichen Weg zur Schule. Der beginnt aber viel früher. Ich stehe morgens 7:30 auf, was ich immer noch nicht wirklich gut verkrafte. Von meiner Wohnung bis zum Bahnhof Meidaimae (明大前) laufe ich meist parallel zu Scharen von Schulkindern, 小学生、中学生、oft begleitet von Papa oder Mama, und am Bahnhof dann die 高校生, in ihren Uniformen, die man aus Mangas und Animes kennt. An den Kreuzungen stehen ältere, freundlich lächelnde Herren im besten alter und darüber, die als Schülerlotsen fingieren. Wurde ich zu Beginn von diesen Herren noch elegant ignoriert, werde ich nun von den meisten mittlerweile auch mit einem freundlichen „Ohayou gozaimasu“ begrüsst, das ich mit leichter Verbeugung erwidere.
Die Horde an Schulkindern und meiner Wenigkeit sammelt sich vor einem Bahnübergang, der zur morgendlichen Rushhour im Minutentakt den Weg versperrt (hier natürlich ohne Personen):

Am Bahnhof bin ich mittlerweile routiniert – nimm nur den 直通-Zug, der fährt direkt durch zu deinem Ziel, kein Umsteigen in Shinjuku. Nicht die Expresszüge. Ich habe die morgendlichen In-die-U-Bahn-Quetscher live sehen dürfen (ich selbst wurde allerdings noch nicht reingequetscht, ich komme etwas früher und stelle mich früh an die richtige Stelle am Bahnsteig).
Beim Einfahren des Zuges ertönt immer derselbe Jingle. Er brennt sich ein in das Hirn. So sehr, dass ich darüber eine Mini-Fughette schreiben musste.
Es ist eine stille, verschlafene, enge Atmosphäre im Zug. Immer wieder habe ich Angst, zuviel von meinem Duftwässerchen aufgetragen zu haben, denn man kommt den Mitreisenden sehr nahe. Viele schlafen, und der Rest schaut auf das (natürlich gemutete) Telefon. Manga lesen, ChatGPT befragen, Schminktipps, neue Hose, Youtube, Youtube, Youtube. Ich versuche meistens, den Berg an Vokabeln vom letzten Tag zu lernen, ich habe es noch nie ganz geschafft.
Die Schule selbst geht von 9:10 bis 12:40. Unsere Klasse besteht aus Taiwanesen, Chinesen, einer Dame aus Thailand, einem Australier, einem Franzosen – und einem Deutschen. Ich dümpele am unteren Ende des (Fortgeschrittenen-)Kurses, und merke: Ich verstehe wenig, und schreibe viel zu langsam. Die chinesischen Freunde können natürlich viel schneller die Zeichen des Lehrers kopieren. Der Kurs ist anstrengend, aber enorm hilfreich – alles auf Japanisch, keine Erklärungen auf Englisch. Das sollte man ein Jahr lang machen, dann wäre das mit dem Verstehen denke ich kein Problem mehr.
Viele Klassenkameraden sind natürlich jünger als ich, Studenten, Working-Holiday-Visa-Halter, aber auch einige Damen, die ich älter als ich schätze (aber natürlich jünger aussehen) und hier wohnen.
Viele Anime-und Mangafans, natürlich. Der Franzose ist sehr fortgeschritten und spricht sehr gut Japanisch. Es ist eine nette Truppe, nach anfänglichen Schwierigkeiten plaudert man etwas mehr, auch in der Pause. Besonders mit Sさん、einem netten Taiwanesen, und einigen weiteren Mitstreitern gehe ich oft nach dem Kurs zum Essen, und danach nach Akihabara oder Asakusa. Sさん ist Musikstudent, Saxofon, und liebt Züge. In お茶の水 gibt es Züge, siehe Bild, und viele Instrumentenläden, die wir durchkämmen. Ich kaufe Noten. Wir essen meistens Ramen (Taiwanesen lieben Nudeln), aber manchmal auch ein Gyukatsu.



Ein Kursteilnehmer, ein Rezeptionist (arbeitet am Firmenempfang) aus Taiwan, muss nach 3 Wochen Urlaub wieder zurück. Ein sehr fröhlicher und optimistischer Geselle. Ich kaufe eine kleine Karte und ein Manga, das er mag, und lasse im Kurs unterschreiben, als Andenken für ihn. Wir gehen an seinem letzten Tag (fast) alle gemeinsam essen, im Tokyo-Dome, er freut sich. Er möchte in Japan arbeiten, hat schon den JLPT N2 gemacht vor langer Zeit. Man tauscht LINE (sowas wie Whatsapp)-Kontakte aus. Ich glaube nicht, dass man noch viel voneinander hören wird. Aber das passiert oft während dieser Zeit: Man trifft Menschen für kurze Zeit, tauscht sich aus über einige Aspekte, und zieht weiter. Es tut mir gut, Menschen aus so entfernten Ländern kennenzulernen. Sich mit ihnen in holprigem Japanisch zu verständigen, ist etwas einmaliges an dieser Situation. Und wir sitzen alle im selben Boot. Der Kurs geht bis Dezember. Ich aber werde am Freitag meine letzte Stunde haben.
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