Gestern abend noch regnete es in Strömen. Nachts, als ich nach Hause spazierte (unter anderem nach diesem heimischen Erzeugnis)

hatte es bereits aufgehört und war angenehm warm. Heute taucht die Sonne alles in einen goldenen Schein. Blätter der Bäume beginnen sich zu färben, 紅葉, Herbstlaub, beginnt.

Mein Sabbatical neigt sich dem Ende zu, drei Wochen sind es noch. Mein Sprachkurs ging gestern zu Ende. Wir waren koreanisch essen mit einigen der Kursteilnehmer, man tauschte Kontakte aus, und ein Bild mit dem Sensei. Eine nette Truppe war das. Schade, dass ich nur einen Monat bei diesem Kurs mitmachen konnte, die meisten anderen lernen bis Dezember weiter. Vielleicht sieht man sich aber mal wieder. Der Herbst ist immer eine besondere Zeit für mich, ich verfalle in eine Art sentimentale Stimmung. Ein wenig Resümee ziehen ist denke ich nicht schlecht zu diesem Zeitpunkt.
Tägliches Leben
Ich habe festgestellt: Leben in Japan außerhalb von Hotels und Hostels ist möglich, komfortabel, und angenehm. Ich habe wenig mit dem Papierkram zu tun gehabt, den ausländische Langzeitaufenthaltler hier erledigen müssen. Aber ich verstehe immer mehr der Wörter und Konzepte, die Tag für Tag notwendig sind, um leben zu können. Von Mülltrennung zu Adressen zu Wäsche zu Bestellungen. Das Essen ist gesund, günstig und wohlschmeckend. Ich gehe jeden Tag deutlich mehr Schritte als zuhause. Ich glaube, ich habe etwas abgenommen dabei. Ich fühle mich sicher hier. Das Land ist wunderschön. Tokyo ist ein Moloch, aber ich beginne, auch diese Stadt lieben zu lernen. Es gibt so viele schöne Ecken hier, und immer noch kann ich oft der Versuchung nicht widerstehen, die Kamera herauszuholen, und scheinbar triviales einzufangen. Ich liebe es auch immer noch, einfach nur den Menschen zuzuschauen. Sei es den schicken Teens in Shimokitazawa, den Salarymen bei der Heimfahrt nach der Arbeit, oder den älteren Herrschaften im Café.
Kontakte
Das Sabbatical habe ich hier in Japan oft als „langen Urlaub“ umschrieben. Da ich nicht arbeite(n darf), fehlt der Berührungspunkt mit Arbeitskollegen hier völlig. Ich hatte daher auch nicht große Hoffnung, viele enge Kontakte zu knüpfen. Zu Japanern ist das auch schwierig, denn wo soll man sie ansprechen? Ich bin keine 20 mehr, introviert, und nicht (mehr) clubtauglich, ich bin kein klassischer Anime/Manga-Nerd oder Sportler. Es ist ja aber natürlich wichtig, zumindest einen Berührungspunkt zu haben, um mit jemandem bekannt zu werden.
In Japan lebende Ausländer
Ich hatte das Glück, mit Mさん einen Freund hier zu haben, den ich noch von Arbeitsprojekten her kenne. Er war nur am Beginn meines Aufenthalts in Japan und kommt erst in ca. 2 Wochen wieder. Aber er hat mir den Beginn leichter gemacht, und mich auch mit anderen Expats bekanntgemacht, z.B. Pさん, einem Indonesier, der bald hier heiratet, und mit dem ich häufig nach der Sonntagsmesse noch unterwegs war, freundlich, offen, 優しい. Mit Expats spricht man Englisch, und kann sich detailliert austauschen, ohne die großen Pausen, die oft bei Gesprächen mit Japanern vorkommen. Man bekommt auch viele Infos über das Leben in Japan und die Japaner.
Ebenso zähle ich hier die Sprachschüler aus der Schule mit. Mit ihnen unterhalte ich mich in lückenhaftem Japanisch, da sie als Chinesen, Taiwanesen und Koreaner kaum Englisch sprechen. Sehr herzliche Menschen, offener als viele (Tokyoer) Japaner, oft jung und japan-begeistert. Natürlich auch viele Otakus / Nerds dabei, aber das ist ok, ich bin in gewisser Weise ja auch einer. Wir sitzen in fast demselben Boot, freuen und leiden gemeinsam im Unterricht, lachen dort über die schönen Rollenspiele. Und haben auch etliche Nachmittage gemeinsame Ausflüge gemacht.
Japaner in Tokyo – Läden in Setagaya
Im Alltagsleben hat man viele Kontakte – wenn man es schafft, die Scheu zu überwinden, in irgendwelche Läden zu gehen. Ich kenne den netten Herrn (und seine Damen) aus dem Musiksalon, wo ich Klavier spielen kann, die nette Dame in der Konditorei zwei Straßen weiter, die Verkäufer im Supermarkt, und die nette ältere Dame in dem kleinen Restaurant / Izakaya um die Ecke, die ich mit „お母さん“ anrede und mit der ich kurze Gespräche über die Theke führe. Die Blicke vom etwas kritischen „Ah, ein Ausländer, hoffentlich versteht der mich, was will der hier“, haben sich oft zu einem wiedererkennden Lächeln gewandelt. Es ist fast wie „daheim“.
Japaner in Tokyo – Izakaya
Ich habe bereits von zweien meiner Lieblings-Izakayas berichtet. Es gibt Abende, da sitzt man dort, die anwesende Klientel unterhält sich mit sich selbst, und man hat wenig Anknüpfungspunkte. Dann trinkt man das Bier, isst die überaus leckeren Nudeln und geht. Das ist ok. Schließlich ist es sehr anstrengend, mit einem Ausländer zu plaudern, der nur sehr wenig versteht und wenig sagen kann. Und wie überall, nicht jeder findet jeden anderen sympathisch. Aber oftmals, meist nach einigen Minuten Stille, fange entweder ich oder einer der Gäste mit Plaudern an, und dann geht es natürlich um Europa, Deutschland, warum ich hier bin. Ich frage gerne nach der Arbeit des Gegenüber. Gestern beispielsweise かざさん, in der kleinen Bar bei mir um die Ecke, der Waren mit dem Motorrad ausliefert, und an Deutschland Fußball und FKK toll findet (letzteres ein Konzept, das viele Japaner anscheinend fasziniert), und mit dem wir uns mit dem Wirt 重さん über Arbeitskultur in Deutschland unterhalten. Mittlerweile lasse ich mir die Namen der Gäste in ein kleines Notizbuch schreiben. Ich kenne auch einige der Stammgäste mittlerweile ganz gut, und freue mich, wenn sie sich freuen, mich zu sehen und grüßen. Auch tiefere Themen kann man dann anschneiden, wie die Seele der Japaner als solches. Aber da scheitert es meist noch an meinem schlechten Japanisch. Ich werde diese Izakayas vermissen in Deutschland.
Besucher aus Europa
Sehr dankbar bin ich für den Besuch von Mさん und Kさん (Mさん’s Gatten) aus der Schweiz. Ich kenne Mさん vom Remote-Japanischkurs der VHS Düsseldorf, habe sie zuvor aber noch nie „live“ gesehen. Orgelkonzert in der Tokyo Opera Hall, Spaziergang in Shinjuku, Besuch der Ginza und im Izakaya: Wir verstanden uns auf Anhieb, und hatten viel Spaß – es war bereichernd, dieses nette Paar kennenlernen zu dürfen. Vielleicht kommt dazu auch noch ein separater Bericht. Und nächste Woche kommen dann noch die zwei Münchner, und gemeinsam geht es nach Kyushu.
Nさん in Kansai
Am dankbarsten bei dieser Reise aber bin ich für die erste „reale“ Begegnung mit Nさん. Ich wage zu behaupten, dass ich das Glück habe, hier eine gute und enge Freundin gefunden zu haben. Unsere gemeinsamen Themen sind Musik und Sprachen. Durch ihre Geduld können wir uns lange unterhalten und viel über die jeweils andere Sprache lernen. Die Tage in Osaka waren zweifelsohne der Höhepunkt des Sabbaticals. Die Eindrücke waren vielfältig, der Austausch sehr beflügelnd, auch das Kennenlernen der anderen Freunde von Nさん war ein Höhepunkt. Es motiviert mich sehr, weiter Japanisch zu lernen.
Das ist überhaupt ein wichtiges Fazit: Sprache ist essentiell. Besseres Japanisch führt zu weniger Berührungsängsten, sowohl bei mir als auch beim Gegenüber.
Wie geht es weiter
Auch in den nächsten Jahren möchte ich jeweils längere Zeit in Japan wohnen. Ich habe hier bereits Planungen angestoßen, aber leider werden die nächsten Schritte erst nach meiner Rückkehr konkreter. Ich denke, permanent für längere Zeit dorthin zu ziehen ist erstmal nicht sinnvoll und möglich – dagegen sprechen vor allem Familie, Freunde, Arbeit und Musik. Aber eine längere Zeit pro Jahr, das ist unverhandelbar. Pendler zwischen den Kontinenten. Ich denke, das ist eine gute Lösung.
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