Ich bin wieder in Deutschland. Nächste Woche beginnt die Arbeit, erstmal mit einer Konferenz. Diese Woche wird der Jetlag (hoffentlich) besiegt, und Folien für die Konferenz vorbereitet.

Die letzte Woche in Japan stand im Zeichen des Abschieds. Ich habe keine großen Ausflüge unternommen. Mein letzter Abend, vor dem Packen, war ein Spaziergang in Setagaya. Higashi-Matsubara und Meidaimae. Orte, die ich täglich besucht habe die letzten Wochen.

Mein letztes größeres Mal war Sushi in Akihabara, in meinem Lieblingsladen.

Abende des Abschieds. Izakaya in Kawasaki mit P und M, ich freue mich, P vor seiner Hochzeit nochmal zu sehen, und mit M noch am Ende ein wenig zu plaudern, er war beinahe während des gesamten Sabbaticals in Deutschland.

Ein lustiger Abend im O., dem kleinen Restaurant/Izakaya 200m von meiner Wohnung. Dort der netten älteren お母さま hinterm Tresen ein Präsent aus Kumamoto überreicht. Anschließend vorletzte Runde bei 重さん。Der Sohn der Wirtin aus O, der Koch, kommt auch, und erzählt von seinen Eroberungen (oder denen, die er beabsichtigt zu tun). Ich verstehe nicht alles, aber definitiv mehr als vor drei Monaten.

Am nächsten Abend holt ein lieber Mensch meine Hanteln ab, deren „Entsorgung“ mir Kopfweh bereitet hat. So von einer schweren Last befreit mache ich mich ein weiteres Mal auf. Ich finde 濱さん, das freut mich sehr: Sein Laden ist wegen Renovierung bis Anfang Dezember geschlossen, aber er arbeitet zwei Izakayas weiter. Ich bestelle Sake. 濱さん ist ehrlich 寂しい (traurig) über den Abschied, und liefert den Reiswein in einer riesigen, improvisierten Tasse.

Tさん ist auch da, ich freue mich. Wir plaudern, über Ise, über japanische Tierkreiszeichen, Kさん plaudert mit. Eine 90-Jährige Dame kommt hinzu. Sie erzählt in hoher Stimme, dass sie bereits einige Getränke konsumiert habe. Sie spricht ein herrliches Frauenjapanisch, und findet mich „素敵“. Mit dieser Übertreibung kann ich leben. Ich frage mich, ob das gesund ist, was sie tut – aber sie macht einen robusten Eindruck. Tさん fragt, ob es in Deutschland viele 90-Jährige gibt, die abends in den Läden trinken, ich verneine. Nein, das gibt es nicht, denke ich. Vieles gibt es nicht, was mir hier ans Herz gewachsen ist, in der kurzen Zeit. Speziell diese kleinen Läden, in denen man abends essen, trinken und mit Glück sich gut unterhalten kann. Eine Art verlängertes Wohnzimmer. Der Abend ist vergnüglich. Am Ende noch einmal kurz zu 重さん。Viel los, das bin ich gar nicht gewohnt in seiner Bar. Aber es ist Freitag. Er gibt mir einen aus und verabschiedet mich am Ende, indem er mit mir vor die Tür tritt. Typisch japanisch. Ein schöner Abschied. (Ich erspare die Qualen des Packens am letzten Tag – das habe ich ausgeblendet).

Abschied von diesem unglaublichen Land, der Sprache, die ich liebe, aber immer noch nicht beherrsche, der Natur, dem Essen, der Sicherheit und Idylle, den Menschenmassen in Shibuya und Shinjuku, das kleinstädtische, aber trotzdem globale und kunterbunte Setagaya. Von den elegant gekleideten Menschenmassen, die ich oftmals einfach nur beobachtete.

Abschied von Tokyo, den schönen Orten, die man immerzu fotografieren oder zeichnen möchte. Den Nächten und Abenden, wenn die Sonne alles in ein goldenes Licht taucht, den heißen Sommerabenden, wenn das Gezirrpe der Zikaden alles einhüllt. Matsuris und Konzerte, Aufführungen und Spaziergänge, so viele Spaziergänge. Von dieser Natur, den Tempeln und Schreinen, und kleinen Showa-Häusern, die neben den großen Wolkenkratzern stehen.

Abschied von Menschen, die so behutsam miteinander umgehen. Menschen, die so oft eine tiefe Güte und Freundlichkeit in sich tragen. Auch wenn Erstkontakt schwierig ist. Das beginnt beim Friseur, Jさん, geht weiter über den Herrn im Klaviersalon, die vielen Menschen, die man im abendlichen Izakaya in Setagaya trifft. Abschied von den lieben Menschen, die ich in Japan kennenlernen durfte, die Freunde geworden sind. P. und M., die Expats, sind Freunde geworden. Ich werde die sonntäglichen Besuche der Messe vermissen, und das fröhliche Programm danach. Die Sprachkursmitglieder. Und natürlich Abschied von Nさん, der mir besonders schwerfällt. Dank ihr habe ich soviel erlebt, wundervolle Eindrücke und eine Freundin gewonnen, die die Liebe zur Musik und Kunst teilt. Ein wenig 一期一会 (ichigo-ichie). Das alles lässt mich Japan als zweite Heimat sehen. Vielleicht ein wenig übertrieben. Aber vielleicht auch nicht.

Am Ende der Woche weicht der Abschied Dankbarkeit. Es war die längste Zeit, die ich je im Ausland verbracht habe. Ich habe so viel erlebt hier. Dafür bin ich dankbar. Seit Corona und einigen schwierigen Ereignissen in der Arbeit habe ich gemerkt, dass das Leben manchmal eintönig geworden ist. Die Musik hat lange das Leben neben der Arbeit fast vollständig ausgefüllt, doch durch die Pandemie wurden die Aktivitäten weniger. Als introvertierter Single ist die Zeit um die 40 nicht leicht. Die Zeiten ändern sich, privat und beruflich. Viele Freunde und Bekannte haben mittlerweile geheiratet, sind mit Familie und Arbeit beschäftigt, und es ist schwierig, noch Zeit zu finden für gemeinsame Aktivitäten. Freundschaften zu pflegen wird schwieriger und schwieriger, viele leben weiter weg. Aber Leben heißt Wandern.

Die alte Liebe zu Japan schlummerte lange. Doch sie ist nie erloschen. Wandern zwischen Deutschland und Japan, das ist das Richtige für mich. Das ist die wichtigste Erkenntnis nach dieser Zeit. Ich hoffe, ich kann so ein „Multiklassen“-Rollenspieler des Lebens werden, und das Jahr zwischen hier und dort aufteilen, und Beruf, Coding, Musik, Familie und Freunde entsprechend jonglieren. Ich werde die Weichen dafür so bald wie möglich stellen. Und am Ende, nach langer Zeit, wird wohl ein Land übrigbleiben. Ich werde in diesem Blog über die nächsten Schritte berichten. Sei versichert, lieber Leser, dass du mir wert und teuer bist! Bleibe dem Blog gewogen. Und verzeih diesen etwas rührseligen Eintrag.

Es passt dazu nun die kleine Ballade, improvisiert auf dem Leihklavier in Setagaya. Das zugrunde liegende Lied heißt „Rote Libelle“, 赤とんぼ, ein altes japanisches Lied. Es ist mir ans Herz gewachsen, Melodie und der etwas bittersüße Text. Soviel ist bittersüß im Leben, und auch in Japan.

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